1884–1977

Mathilde Vaerting

Erziehungswissenschaftlerin

Sie war die erste ordentliche Professorin an einer deutschen Volluniversität – und erntete viel Gegenwind.

Mathilde Vaerting war 1923 die erste Frau, die an einer deutschen Volluniversität eine ordentliche Professur erhielt. In ihrer Forschung stellte sie vermeintlich natürliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern infrage und führte Geschlechterrollen auf gesellschaftliche Machtverhältnisse zurück – für ihre Zeit ein bemerkenswert moderner Ansatz. Auch Schule und Unterricht wollte sie grundlegend verändern und setzte sich für selbstständiges Lernen und gleiche Bildungschancen ein. Ihre wissenschaftliche Karriere war jedoch von Anfang an von Widerständen geprägt und endete 1933 mit ihrer Entlassung durch die Nationalsozialisten.

Biographisches

Mathilde Vaerting legte erfolgreich die Prüfung zum höheren Lehrerinnenexamen ab und begann, an einer Düsseldorfer Schule zu unterrichten. Diese Zeit als Lehrerin sollte sie und auch ihre spätere pädagogische Forschung stark prägen.[1] Ab 1907 studierte Mathilde Vaerting in Bonn, wo sie 1911 promovierte. Im Anschluss arbeitete sie als Oberlehrerin in Berlin und publizierte zu dieser Zeit eine Reihe von Schriften zur Geschlechterpsychologie sowie zur Didaktik in der Mathematik.[2] Einige Schriften aus der Zeit des Ersten Weltkriegs enthalten allerdings auch eugenische Vorstellungen, die aus heutiger Sicht kritisch zu bewerten sind: So sah sie in dem Verlust junger Männer im Krieg eine Gefahr für die ‚erbliche Höherentwicklung‘ der Gesellschaft.[3]

Nach einem erfolglosen Versuch, sich an der Berliner Universität zu habilitieren, wurde sie 1923 an den Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften der Universität Jena berufen. Ihre Ernennung stieß auf starken Widerstand, da sie gegen den Willen der Fakultäten erfolgte. 1930 griff der Zoologe und Antisemit Ludwig Plate sie mit einer antifeministischen Schmähschrift mit dem Titel „Feminismus unter dem Deckmantel der Wissenschaft an.“[4] Zudem wurde ihr eine geringe Studierendenzahl unterstellt, nachdem ihr zuvor das Prüfungsrecht verwehrt worden war. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde sie 1933 entlassen, erhielt ein Publikations- und Ausreiseverbot und konnte ihre Forschungen nicht fortsetzen. Nach dem Krieg konnte Mathilde Vaerting nie wieder in der Wissenschaft Fuß fassen, ihre Bewerbungen auf Professuren scheiterten, und ihre Werke blieben zunächst unbeachtet. Ihre Studien zur Geschlechterpsychologie gelten jedoch bis heute als modern, und auch ihre Kritik am System „Schule“ sowie ihre didaktischen Konzepte werden bis heute rezipiert.[5] Seit November 2023 erinnert eine Gedenktafel im Universitätshauptgebäude in Jena an sie. Die Universität Jena und die Gesellschaft zur Erforschung der Demokratie-Geschichte (GEDG) zollen ihr damit den Respekt, der ihr zu Lebzeiten verwehrt blieb.[6]

Text übernommen aus Gesine Born: „Versäumte Bilder – Wissenschaftlerinnen und Pionierinnen sichtbar machen“. Begleitheft zur Ausstellung, BMFTR 2025, S. 40–41, und redaktionell bearbeitet.

Entstehungsprozess

Das KI-Porträt von Mathilde Vaerting entstand im Auftrag der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und wurde erstmals im Rahmen der Ausstellung „Her mit den Portr[AI]ts!“ präsentiert. Für die Ausstellung, die vom 10. April bis 25. Mai 2025 im Universitätsmuseum Bonn zu sehen war, wurden historische Porträts von Wissenschaftlerinnen mithilfe von KI neu interpretiert und in Situationen versetzt, die so nicht fotografisch überliefert sind.

Das „versäumte Bild” zeigt Mathilde Vaerting beim Unterricht außerhalb des Klassenzimmers.

Das Motiv wurde ebenfalls in der Ausstellung „Versäumte Bilder“ im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt in Berlin und Bonn gezeigt.

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Maria von Linden

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Margot Perl