1670–1720
Maria Margaretha Winkelmann-Kirch
Astronomin
Die Frau, die einen Kometen entdeckte – und dennoch aus ihrem Beruf verdrängt wurde.
Maria Winkelmann-Kirch (1670–1720) gehörte zu den bedeutenden Astronominnen ihrer Zeit. Sie beobachtete den Himmel, berechnete astronomische Kalender, forschte zu Sonnenflecken und Polarlichtern – und entdeckte 1702 als erste Frau einen Kometen.
Trotz ihrer wertvollen Arbeit für die neu gegründete Preußische Akademie der Wissenschaften wurde ihr eine offizielle Stellung und Mitgliedschaft versagt. Während ihre Forschungsleistungen gerne genutzt wurden, musste sie sich als Person im Hintergrund halten – ein folgenreicher Präzedenzfall für den langen Ausschluss von Frauen aus der Berliner Akademie.
Ihre Geschichte zeigt, dass Frauen seit Jahrhunderten Wissenschaft mitgestaltet haben – und dass ihr Verschwinden aus der Erinnerung oft das Ergebnis konkreter gesellschaftlicher und institutioneller Entscheidungen ist.
Biographisches
Maria Margaretha Winkelmann wurde 1670 in Panitzsch bei Leipzig geboren. Ihr Vater, ein lutherischer Pfarrer, weckte ihre Begeisterung für den Sternenhimmel und förderte sie. Später arbeitete sie als Dienstmädchen für den Bauern und Astronomen Christoph Arnold und erlernte dort die Grundlagen der Observationsarbeit für Wetterkunde und Meteorologie. Hier lernte sie auch den 30 Jahre älteren Gottfried Kirch (1639–1710) kennen, einen der bedeutendsten Himmelsforscher seiner Zeit.
1692 heirateten die beiden. Da Frauen damals keinen Zugang zu Universitäten hatten, unterrichtete Kirch seine Frau selbst. Sie wechselten sich bei der Beobachtung des Nachthimmels ab, führten Berechnungen durch und dokumentierten Wetterereignisse.
Auf dieser Basis erstellte das Ehepaar astronomische Kalenderbücher, mit deren Verkauf die Familie ihren Lebensunterhalt bestritt. Darin wurden Sonnenauf- und -untergang, Stern- und Planetenbewegungen für das kommende Jahr berechnet. Astronomisch-astrologische Kalender waren damals für viele Menschen ein unverzichtbares Hilfsmittel, zum Beispiel in der Landwirtschaft, Medizin oder Seefahrt.
Im Juni 1702 wurde Gottfried Kirch von der neu gegründeten Kurfürstlich-Brandenburgischen Societät der Wissenschaften zu Berlin als erster Astronom berufen. Das Ehepaar erstellte Kalender für die Akademie, eine wichtige Einnahmequelle für die gerade neu gegründete Institution (Mommertz 2002, S. 44). Maria Margaretha Winkelmann-Kirch galt als Assistentin ihres Ehemannes, obwohl die beiden auf Augenhöhe arbeiteten. Sie forschte eigenständig zu Sonnenflecken und Polarlichtern und genoss in zeitgenössischen Fachkreisen hohes Ansehen (Schiebinger 1987, S. 180).
1702 gelang ihr eine außergewöhnliche Entdeckung: Als erste Frau entdeckte sie einen Kometen (C/1702H1, genannt „Komet 1702“). Kirch berichtet in seinen Aufzeichnungen, wie seine Frau habe den Kometen entdeckte:
„Früh um zwei Uhr war es hell gestirnet. Meine Ehefrau hat (nachdem ich etliche Nächte zuvor dem wandelbaren Stern am Hals des Schwanes observiert, und sie ihn, als ich noch schlieff, auch gerne sehen, und selbst finden wollte) einen Cometan am Himmel gefunden. Worauff sie mich aufwachetet, da ich denn fand, dass es wahrhaftig ein Comet war… Es wondert mich doch, dass ich den Cometan die vorigen Nächte nicht gesehen habe.“ (Schiebinger 1987, S. 183)
Die Entdeckung wurde als erste bedeutende Leistung der Akademie dem König gemeldet. Doch sowohl in diesem Bericht als auch in den anschließenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurde sie Kirch zugeschrieben. Erst kurz vor seinem Tod stellte Gottfried Kirch öffentlich klar, dass seine Frau die eigentliche Entdeckerin gewesen war.
Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1710 bemühte sich Maria Margaretha Winkelmann-Kirch vergebens um dessen Stelle an der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Obwohl sie hervorragend qualifiziert war und vom damaligen Direktor, dem Philosophen und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz, unterstützt wurde, lehnte der Exekutivrat ihre Bewerbung ab – allein aufgrund ihres Geschlechts. Die Stelle erhielt stattdessen ein deutlich weniger qualifizierter Mann, der sich in dieser Funktion nicht bewährte.
Die Akademie setzte mit ihrer Entscheidung einen negativen Präzedenzfall: Frauen sollten über Jahrhunderte keinen Platz als wissenschaftliche Mitglieder der Akademie erhalten.
Ab 1716 kehrte Maria Margaretha Winkelmann-Kirch noch einmal zur Berliner Akademie der Wissenschaften zurück, diesmal als Assistentin ihres Sohnes Christfried Kirch. Doch der Akademie-Rat kritisierte, dass sie sich in die Angelegenheiten der Akademie einmische und „auf dem Observatorio, wenn Fremde zugegen, sich zu viel praesentiere“ (zit. nach Valtin 1993, S. 147). Mehrfach wurde sie ermahnt, stärker in den Hintergrund zu treten und insbesondere bei öffentlichen Anlässen weniger sichtbar zu sein.
Bereits ein Jahr später musste sie die Akademie und ihr Wohnhaus auf dem Sternwartegelände verlassen. Im neuen Zuhause setzte sie ihre Beobachtungen fort, hinter verschlossenen Türen und mit nur wenigen Instrumenten.
Ihre Töchter Christine und Margaretha waren, ebenso wie ihr Bruder Christfried, von klein auf in die wissenschaftliche Arbeit der Familie eingebunden. Nach dem Tod ihres Bruders berechnete dieser „astronomische Frauenhaushalt“ (Mommertz 2002, S. 51) über weitere 30 Jahre lang im Verborgenen die Kalender für die Akademie und sorgte so maßgeblich für deren Finanzierung.
Maria Winkelmann-Kirch starb 1720 im Alter von 50 Jahren. Ihre Geschichte erinnert daran, wie viele wichtige Entdeckungen und wissenschaftliche Leistungen von Frauen in den Schatten gedrängt wurden – obwohl sie den Blick auf die Welt nachhaltig erweitert haben.
Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin a. D. sowie Physikerin, und Bundesforschungsministerin Dorothee Bär enthüllen das KI-generierte Bild von Maria Winkelmann-Kirch. © BMFTR/Hans-Joachim RickelEntstehungsprozess
Das Porträt von Winkelmann-Kirch wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt generiert und erstmals zur Eröffnung der Ausstellung „Versäumte Bilder“ im September 2025 in Berlin und Bonn präsentiert.
Das versäumte Bild zeigt Maria Margaretha Winkelmann-Kirch bei der Erforschung des Nachthimmels und der Entdeckung eines Kometen, dargestellt als zeitgenössisches Ölgemälde. Da keine gesichert authentischen Abbildungen von Winkelmann-Kirch überliefert sind, wurde das Portrait ohne ein Originalbild als Grundlage generiert.
Gesine Born über die Generierung des Bildes: „Die Herausforderung bestand darin, dass es von Maria Winkelmann-Kirch keine zeitgenössische Darstellung gibt und ich daher ganz ohne Referenzbild arbeiten musste. Das führte zunächst dazu, dass die Kleidung sehr opulent ausfiel, da das Bild in der Barockzeit angesiedelt ist. Dies wieder etwas zurückzunehmen, damit die Wissenschaftlerin stärker im Fokus steht, war nicht ganz einfach – ich musste recherchieren, wie bürgerliche Frauen zu dieser Zeit tatsächlich gekleidet waren. Auch die Darstellung der Sternwarte war eine Herausforderung, da hierzu ebenfalls kein detailliertes Bildmaterial überliefert ist. Am Ende ist das Bild aus drei verschiedenen Motiven entstanden: dem Porträt, dem Hintergrund und dem Kometen.“
Wussten Sie schon…?
Maria Margaretha Winkelmann-Kirch war nicht die einzige Astronomin ihrer Zeit. Im späten 17. Jahrhundert waren überraschend viele Frauen in der Astronomie tätig – ihr Anteil war insbesondere in Deutschland mit 14 Prozent hoch. Dies lässt sich teilweise dadurch erklären, dass Astronomie und Kalenderberechnung damals zwischen Wissenschaft und Handwerk angesiedelt waren. Häufig war die ganze Familie an der Durchführung und Berechnung beteiligt, Frauen und Mädchen wurden selbstverständlich mit ausgebildet und in die Observation einbezogen. Erst mit der zunehmenden Professionalisierung und „Verwissenschaftlichung“ der Himmelsbeobachtung und der zunehmenden Trennung von privater und öffentlicher Sphäre wurden die Frauen aus diesem Tätigkeitsbereich verdrängt – oder zu unsichtbaren Assistentinnen ihrer wissenschaftlich tätigen Ehemänner und Brüder (vgl. Schiebinger 2018).
…und heute?
Frauen sind in der Astronomie trotz Fortschritten weiterhin unterrepräsentiert. Während Studentinnen in den Fächern Physik und Astronomie seit Jahren etwa ein Drittel der Studienanfängerinnen und -anfänger ausmachen, spiegelt sich ihr Anteil in wissenschaftlichen Führungspositionen kaum wider – viele verlassen die Forschung nach ihrem Abschluss. Aktuell liegt der Anteil der Frauen, die eine Professur in Physik oder Astronomie bekleiden, bei nur 15 %. Im Bereich Astronomie allein ist der Frauenanteil auf Professuren- bzw. Führungsebene vermutlich noch wesentlich geringer.
Quellen: https://www.innovative-frauen-im-fokus.de/infopool/daten-und-fakten/frauen-in-mint/frauenanteil-an-professuren-in-mint/, https://www.deutschlandfunk.de/astronomie-zu-wenige-frauen-blicken-in-die-sterne-100.html
Making Of des KI-generierten Porträts von Maria Margaretha Winkelmann-Kirch. Video: Gesine Born, enthält KI-generierte Bilder und Musik.
Making Of
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British Astronomical Association: In remembrance of Maria Winckelmann, online (abgerufen am: 01.07.2026)
Mommertz, Monika (2002): „Schattenökonomie der Wissenschaft. Geschlechterordnung und Arbeitssysteme in der Astronomie der Berliner Akademie der Wissenschaften im 18. Jahrhundert“. In: Frauen in Akademie und Wissenschaft. Arbeitsorte und Forschungspraktiken 1700–2000. Berlin: Akademie Verlag, S. 31–63.
Schiebinger, Londa (1987): „Maria Winkelmann at the Berlin Academy: A Turning Point for Women in Science“. In: Isis 78 (2), S. 174–200.
Schiebinger, Londa (1993): Schöne Geister. Frauen in den Anfängen der modernen Wissenschaft. 2. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.
Schiebinger, Londa (2018): „Maria Winkelmann at the Berlin Academy: The Clash between Craft Traditions and Professional Science“. In: Dorothy O. Helly / Susan M. Reverby (Hg.): Gendered Domains. New York: Routledge, S. 56–70.
Valtin, Renate (2001): „Ein gelehrtes Weib ist eine Entartung der Natur“. Diskurse zum Ausschluss der Frauen aus der Wissenschaft. In: Pädagogische Rundschau 55 (4), S. 411–425. Formal und inhaltlich überarbeitete Version der Originalveröffentlichung, DOI: 10.25656/01:25544.
Wikipedia: „Maria Margaretha Kirch“ (deutsch), in: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, abgerufen am 08.09.2026.
Wikipedia: „Maria Margaretha Kirch“ (englisch), in: Wikipedia, The Free Encyclopedia, abgerufen am 08.09.2026.