1912–2017

Ingeborg Syllm-Rapoport

Neonatologin

Die Pionierin der Säuglings- und Frühgeborenenmedizin überwand in ihrem Leben viele Grenzen.

Mit 102 Jahren wurde Ingeborg Syllm-Rapoport zur wohl ungewöhnlichsten Doktorandin ihrer Universität: 2015 verteidigte sie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ihre Dissertation – fast 80 Jahre nachdem sie die Arbeit eingereicht hatte. Die Nationalsozialisten hatten ihr aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln die mündliche Prüfung verweigert. Dennoch gelang es ihr, nach der Flucht in die USA als Medizinerin zu praktizieren. Nach einer weiteren politischen Flucht profilierte sie sich als Forscherin in der DDR und bekleidete später den ersten Lehrstuhl für Neonatologie in Europa. Im hohen Alter erwarb sie schließlich den deutschen Doktortitel, der ihr 1938 verwehrt worden war.

‍Ingeborg Syllm wurde 1912 im damaligen deutschen Schutzgebiet Kamerun geboren und wuchs in Hamburg auf. Ihre Mutter Maria Feibes, eine Pianistin, stammte aus einer jüdischen Familie, die zum Christentum konvertiert war. Nach der Scheidung vom Vater Paul Friedrich Syllm, einem Hamburger Kaufmann, der sie betrogen und ihr gesamtes Vermögen durchgebracht hatte, trug sie allein Verantwortung für den Lebensunterhalt der Familie. Trotz Geldnot und beengter Wohnverhältnisse blühte die Mutter auf, Musikabende und Besuche von Sängerinnen und SolistInnen prägten den Familienalltag. Ingeborg gab Nachhilfestunden um zum Einkommen beizutragen. Dank der Unterstützung durch eine Dame der Familien, wo sie als Nachhilfelehrerin arbeitete, konnte sie ein Medizinstudium aufnehmen.[1] ‍ ‍

Ihre Mutter Maria Feibes konvertierte 1933 wieder zum Judentum – auch als Zeichen des Widerstands gegen die politische Entwicklung in Deutschland, die sie mit großer Sorge beobachtete. Ingeborg legte 1937 ihr Staatsexamen ab. Die Abschlussprüfung erfolgte auf einem für Jüdinnen und Juden eigens gekennzeichneten Papier mit gelbem Rand. Anschließend arbeitete sie als Assistenzärztin am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg und forschte über die Folgen von Diphtherie.

Ihre wissenschaftliche Arbeit war bereits eingereicht, doch die nationalsozialistischen Hochschulbehörden verweigerten ihr die Zulassung zur mündlichen Doktorprüfung. Aufgrund der jüdischen Herkunft ihrer Mutter wurde ihr als „jüdischer Mischling ersten Grades“ nachträglich die Studienberechtigung aberkannt. Damit blieb ihr die Promotion trotz bereits erbrachter wissenschaftlichen Leistung versagt. Ingeborg war zu diesem Zeitpunkt vermutlich eine von vier jüdischen Studierenden, die überhaupt noch am Uniklinikum Hamburg eingeschrieben waren – vor der Machtergreifung waren es 52 gewesen.[2]

‍1938 emigrierte sie auf Drängen ihrer Mutter in die USA – kurz vor der Pogromnacht. Dort musste sie beruflich noch einmal von vorn beginnen: Ihr Staatsexamen wurde nicht anerkannt, sie musste ihr Studium wiederholen. Ingeborg bewarb sich bei 48 medizinischen Hochschulen, ohne Erfolg. Endlich erhielt sie ein Stipendium und wurde so am Women’s Medical College of Pennsylvania akzeptiert, wo sie den Abschluss Medical Doctor (MD) in zwei Jahren erlangte. Ab 1940 arbeitet sie als Assistenzärztin an verschieden Einrichtungen in den USA und spezialisierte sich auf Kinderheilkunde.  Damit gelang ihr, was nur wenige jüdische geflohene MedizinerInnen schafften: Fuß zu fassen als praktizierende Ärztin.

Am Universitätsklinikum in Cincinatti lernte sie 1944 den österreichischen Biochemiker Samuel Mitja Rapoport kennen. Es war der Beginn einer lebenslangen Liebe und Partnerschaft. Das Paar heiratete und bekam drei Kinder. Daneben engagierten sich beide politisch gegen Rassendiskriminierung und unterstützten die kommunistische Partei der USA. Bald gerieten sie aufgrund ihrer sozialistischen Ansichten in Konflikt mit KollegInnen und ins Visier der Presse. 1950 unterzeichneten sie den Stockholmer Appell gegen Atomwaffen. Nun spitzte sich die Situation dramatisch zu: Während eines Kongresses in der Schweiz erfuhren Mitja und Ingeborg von Mitjas Vorladung vor das McCarthy Komitee für unamerikanische Umtriebe. Mitja kam nicht zurück in die USA. Die hochschwangere Ingeborg reiste noch einmal zurück, um die Söhne und Tochter zu holen und Hals über Kopf nach Europa zu fliehen. Kurz darauf kam die vierte Tochter zur Welt.‍ ‍

1952 beschlossen Ingeborg und Mitja Rapoport einen Neuanfang in der DDR. Eigentlich wollte Ingeborg nie wieder nach Deutschland zurück, doch ihr Mann überzeugte sie von der Idee, eine neue Gesellschaft nach sozialistischen Werten mitzugestalten.

Für Ingeborg begann an der Charité in Ost-Berlin der Abschnitt ihres Lebens, der ihre Bedeutung für die Medizin nachhaltig prägen sollte.

Rapoport arbeitete zunächst als Kinderärztin und wandte sich zunehmend der wissenschaftlichen Forschung zu. 1959 habilitierte sie sich an der Humboldt-Universität zu Berlin. An der Charité widmete sie sich insbesondere der Behandlung kranker und gefährdeter Neugeborener und trug maßgeblich dazu bei, die Neonatologie als eigenständiges medizinisches Fachgebiet in der DDR zu etablieren. Von 1969 bis 1973 hatte sie den ersten europäischen Lehrstuhl für Neonatologie inne.

Rapoport setzte sich insbesondere für eine engere Verknüpfung von Geburtshilfe und und Kinderklinik ein, um eine bessere Versorgung von Neugeborenen zu gewährleisten. An der Charité baute sie unter anderem eine Station für Neugeborenen-Intensivtherapie auf. ‍ ‍

Der wohl ungewöhnlichste Moment ihrer wissenschaftlichen Laufbahn kam erst Jahrzehnte später. 2014, im Alter von 102 Jahren, legte Rapoport endlich ihre mündliche Doktorprüfung ab – ein fulminanter Nachtrag zu ihrem ersten Lebensabschnitt, der sie in die Schlagzeilen bringt als „älteste Neudoktorin der Welt“. [3] Der Dekan der medizinischen Fakultät des Universitätsklinikum Hamburg, Professor Dr. Dr. Uwe Koch-Gromus, war nach der Lektüre ihrer Autobiografie „Meine ersten drei Leben“ auf sie zugekommen. Er setzte sich dafür ein, dass sie die Prüfung nachholen konnte, die ihr das nationalsozialistische Regime fast acht Jahrzehnte zuvor verweigert hatte.

‍Nach dem fast einstündigen Rigorosum, das in Syllm-Rapoports Wohnzimmer stattfand, zeigte sich Koch-Gromus tief beeindruckt: »Nicht nur unter Berücksichtigung ihres hohen Alters war sie einfach brillant. Wir waren beeindruckt von ihrer intellektuellen Wachheit und sprachlos über ihr Fachwissen – auch im Bereich moderner Medizin.« [4]

2015 wurde Ingeborg Syllm-Rapoport schließlich der Doktortitel verliehen. Für Rapoport war dies nicht nur die späte Anerkennung einer wissenschaftlichen Leistung. Die Verleihung war auch ein Zeichen dafür, dass die Universität das Unrecht anerkannte, das ihr als junge Wissenschaftlerin widerfahren war.‍ ‍

Biographisches

Entstehungsprozess

Das „versäumte Bild“ von Ingeborg Syllm-Rapoport entstand im Auftrag der Charité – Universitätsmedizin Berlin und wurde dort im Rahmen der Ausstellung „Versäumte Bilder an der Charité“ präsentiert. Ingeborg Syllm-Rapoports Tochter Susan Richter war an der Gestaltung des Porträts beteiligt.

Es zeigt die – fiktive – Verleihung der Promotionsurkunde an Ingeborg Syllm-Rapoport im Jahr 1938. Auf der Urkunde steht der Mädchenname “Syllm” sowie die damals übliche Bezeichnung “Fräulein”. Darüber hinaus wurde bewusst auf eine realistische Darstellung verzichtet: Auf Promotionsurkunden dieser Zeit war obligatorisch das NS-Hakenkreuz abgebildet.

Hätte die Promotionsurkunde so ausgesehen? Bildausschnitt aus dem KI-generierten Porträt von Ingeborg Syllm-Rapoport.

Wussten Sie schon…?

‍Ingeborg Syllm-Rapoport hat 1997 eine Autobiografie mit dem Titel „Meine ersten drei Leben“ veröffentlicht. Auf der Basis des Buches entstand die einstündige Fernsehdokumentation von Sissi Hüetlin und Britta Wauer „Die Rapoports – unsere drei Leben“. Diese wurde 2004 erstmals auf Arte ausgestrahlt und 2005 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

‍Syllm-Rapoport tritt auch in der 2021 in Das Erste ausgestrahlten dritten Staffel der TV-Serie „Charité“ auf. Sie wird dort von Nina Kunzendorf dargestellt.

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Margot Perl

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Erika Spiegel