ca. 1838–1876
Hannah Tookoolito
Arktis-Expertin
Die Inuit-Frau, die mit ihrem Wissen Arktisexpeditionen ermöglichte.
Hannah Tookoolito, deren Name auch in der Form Taqulittuq und in anderer Schreibweise überliefert ist, war eine Inuit aus der Region um Cumberland Sound im heutigen Nunavut im Norden Kanadas. Im 19. Jahrhundert wurde sie zu einer wichtigen Vermittlerin zwischen der Inuit-Gesellschaft und europäischen bzw. US-amerikanischen Expeditionen in der Arktis.
Gemeinsam mit ihrem Ehemann Ipirvik begleitete sie mehrere Expeditionen des Polarforschers Charles Francis Hall. Tookoolito übersetzte zwischen Inuit und den Expeditionsteilnehmern und machte Hall mit ihrem umfassenden Wissen über die arktische Umwelt vertraut, das dieser für seine wissenschaftlichen Berichte nutzte. Nicht zuletzt retteten die Kenntnisse und der Erfindungsgeist von Tookoolito und weiteren Inuit, die an der Polaris-Expedition teilnahmen, 19 Menschen das Leben.
Neuere Forschungen betonen die enorme Bedeutung von Tookoolitos Beitrag für das Wissen der Nicht-Inuit über die Arktis.
Biographisches
Tookoolito wurde um 1838 in der Region des Cumberland Sound im heutigen Nunavut geboren. Sie wuchs in einer Inuit-Gemeinschaft auf und lernte bereits als junge Frau von einem britischen Walfänger Englisch. Ihre Familie war mit europäischen Walfängern und Reisenden vertraut; ihr Bruder Eenoolooapik hatte bereits eine Reise nach Europa unternommen.
1853 reiste Tookoolito im Alter von 15 Jahren mit dem Briten John Bowlby nach England. Begleitet wurde sie von ihrem Mann Ipiirvik und einem weiteren jungen Inuit. Zu dieser Zeit herrschte in England großes Interesse an allem, was mit der Arktis zu tun hatte. Die Suche nach den vermissten Schiffen und der Besatzung von Sir John Franklin, die auf der Suche nach der schwer fassbaren Nordwestpassage verschwunden waren, stand im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Das Rätsel um das Schicksal der Expedition gab Anlass zu lebhaften Spekulationen. Bis 1853 waren mindestens 20 britische Expeditionen zur Suche nach Franklin aufgebrochen.
Bowlby schlug Profit aus dieser Faszination für die Arktis und ließ die drei Inuit an verschiedenen Orten öffentlich auftreten. Mitte des 19. Jahrhunderts war es eine gängige Praxis in Europa und den Vereinigten Staaten, Angehörige indigener Völker zur Schau zu stellen. Einem zeitgenössischen Bericht zufolge wurde sie als lebhafte, fröhliche junge Frau beschrieben, die zugleich sehr reif wirkt:
„Tackalicktoo ist zwar erst sechzehn, sieht aber aus wie vierundzwanzig und hat das ganze Auftreten und die Manieren dieses Alters. Sie ist von sehr lebhaftem Gemüt, aber nicht wie ein sechzehnjähriges Mädchen, sondern wie eine junge Frau von vierundzwanzig. Sie hat einen großen Kopf mit schwarzem, glänzendem Haar, das sie sehr sorgfältig bürstet und in Ordnung hält. Sie ist aktiv, munter und voller Lebensfreude. Ihr Lachen ist ein fröhliches Lachen.“ [1]
In London wurden sie Königin Victoria und Prinz Albert vorgestellt. Während ihres fast zweijährigen Aufenthalts eignete sich Tookoolito sehr gute Englischkenntnisse an und lernte europäische Lebensgewohnheiten kennen. Im Anschluss kehrte das Paar in seine Heimat zurück – sie hatten mehr Glück als viele andere Inuit, die, entweder freiwillig oder zwangsweise nach Europa gebracht, oft innerhalb kurzer Zeit an Infektionskrankheiten starben.
1860 traf Tookoolito auf Charles Francis Hall, einem Polarforscher. Hall war von der verschollenen Franklin-Expedition fasziniert und war aufgebrochen, um ihr Schicksal aufzuklären. Er engagierte Tookoolito und Ipiirvik als Führer bzw. Führerin und Übersetzerin. Tookoolito vermittelte zwischen Hall und den Inuit und half ihm, sich in der arktischen Umgebung zurechtzufinden. Ihr Wissen über Sprache, Kultur und Lebensbedingungen der Region war für Halls Expeditionen von großer Bedeutung.
In den folgenden Jahren nahm Tookoolito gemeinsam mit Ipiirvik an mehreren Expeditionen Halls teil. Danach begleiteten beide Hall 1862 in den USA auf Vortragsreisen. Dabei wurden sie, Ipiirvik sowie ihr kleiner Sohn Tarralikitaq auch öffentlich ausgestellt, unter anderem im Barnum's American Museum in New York. Die drei wurden als spektakuläre Vertreter einer vermeintlich „exotischen“ arktischen Welt präsentiert. Die öffentliche Aufmerksamkeit half Hall, Geld für weitere Expeditionen zu sammeln. Die Strapazen, das ungewohnte Klima sowie Infektionskrankheiten machten der Inuit-Familie schwer zu schaffen. Das Kind starb 1863 in New York.
Von 1864 bis 1869 kehrte Tookoolito mit Ipiirvik und Hall in die Arktis zurück, um nach Spuren der Franklin-Expedition zu suchen. Die Expedition führte durch die Melville-Halbinsel, den Golf von Boothia und bis nach King William Island. Tookoolito übersetzte Gespräche mit Inuit und unterstützte Hall dabei, Informationen über frühere europäische Expeditionen zu sammeln. Ihr und Ipiirviks Wissen über die arktische Umwelt und die Lebensweise der Inuit war für die Expeditionen unverzichtbar. Während dieser Zeit bekam Tookoolito einen Sohn, der bereits im Säuglingsalter starb. Anschließend nahm das Paar ein Inuit-Mädchen namens Panik bei sich auf.
1871 schloss sich Tookoolito gemeinsam mit ihrer Familie Halls letzter Expedition an. Die „Polaris“-Expedition sollte den Nordpol erreichen. Hall selbst brach im November 1871 vermutlich aufgrund einer Vergiftung zusammen. Nach wenigen Tagen, in denen Hall einzig Tookoolito als enge Vertraute zu sich ließ, starb er. Wenig später geriet die Expedition in eine schwere Krise: Ein Teil der Mannschaft wurde vom Schiff getrennt und trieb auf einer Eisscholle ab. Tookoolito, Ipiirvik, Panik und weitere Expeditionsteilnehmer mussten mehr als sechs Monate unter extremen Bedingungen auf dem Eis überleben. Nur dank der Jagdkenntnisse und des Einfallsreichtums der Inuit konnten die insgesamt 19 Menschen dem Tod entgehen. Im April 1873 wurden sie schließlich gerettet und als Held*innen gefeiert.
Nach ihrer Rückkehr in die USA ließ sich Tookoolito mit Panik in Groton, Connecticut, nieder. Während Ipiirvik noch mehrfach in die Arktis zurückkehrte, kümmerte sie sich um ihre Adoptivtochter und arbeitete als Näherin. Panik, deren Gesundheit sich nach den Strapazen der Eisschollenfahrt nie vollständig erholte, starb 1875 im Alter von neun Jahren. Tookoolito selbst starb am 31. Dezember 1876 im Alter von etwa 38 Jahren.
Tookoolito gehörte zu den wichtigsten Inuit-Vermittlerinnen der europäischen und nordamerikanischen Arktisforschung des 19. Jahrhunderts. Ihr Wissen, ihre Sprachkenntnisse und ihre Erfahrung waren für die Expeditionen, an denen sie teilnahm, von großer Bedeutung. Sie wusste, wie sich Menschen unter den extremen Bedingungen der Arktis fortbewegen und versorgen konnten, welche Kleidung und Ausrüstung geeignet war und wie sich Nahrung beschaffen ließ. Ihr Wissen und das ihres Mannes trugen wesentlich dazu bei, dass Expeditionen unter Bedingungen überleben konnten, die für viele Europäer lebensgefährlich waren. Dennoch wurde ihre Rolle in den historischen Berichten lange hinter derjenigen der männlichen europäischen und amerikanischen Forscher unsichtbar.
1981 wurden Tookoolito und Ipiirvik von der kanadischen Regierung als Personen von nationaler historischer Bedeutung anerkannt. Zudem trägt eine Bucht an der Südostspitze Baffin Islands ihren Namen – Tookoolito Inlet, sowie die zu Grönland gehörende Insel Hannah Ø.
Entstehungsprozess
Das KI-Porträt von Hannah Tookoolito wurde 2026 im Auftrag des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven erstellt. Dr. Christian Salewski, Leiter des dortigen Archivs, unternahm dafür die Recherchen.
Das “versäumte Bild” von Hannah Tookoolito hängt neben weiteren Bildern von bedeutenden Polarforschenden im historischen AWI-Hörsaal unter der Decke. Darunter sind nicht nur KI-generierte Bildnisse, sondern auch historische Aufnahmen von Entdeckerinnen wie der grönländischen Jägerin und Dolmetscherin Arnarulunnguaq. Bisher waren dort nur zwölf Männer zu sehen, etablierte Repräsentanten der Polarforschung. Nun sind es 36 Porträts, davon 18 Frauen und 18 Männer.
Mehr über die “versäumten Bilder” am Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven
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Kaalund, Nanna Katrine Lüders (2023): „Erasure as a Tool of Nineteenth-Century European Exploration, and the Arctic Travels of Tookoolito and Ipiirvik“. In: The Historical Journal 66 (1), S. 122–140.
Nickerson, Sheila B. (2002): Midnight to the North. The Untold Story of the Woman Who Saved the Polaris Expedition. New York: Jeremy P. Tarcher/Putnam.
Bennett, John: „Tookoolito“. In: The Canadian Encyclopedia. Online.
Wikipedia: „Tookoolito“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie (abgerufen am 08.09.2026).
Einzelnachweise
[1] Cull, Richard (1856): „A Description of Three Esquimaux from Kinnooksook, Hogarth Sound, Cumberland Strait“. In: Journal of the Ethnological Society of London 4, S. 215–225, online , zuletzt abgerufen 08.09.2026