1882–1935
Emmy Noether
Mathematikerin
Heute steht ihr Name für wissenschaftliche Exzellenz. Doch auch die herausragende Mathematikerin und Wegbereiterin der modernen Algebra musste sich ihren Platz an der Universität erkämpfen.
Emmy Noether gehört zu den bedeutendsten Mathematikerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Arbeiten veränderten die moderne Algebra grundlegend und führten zu einem der wichtigsten Sätze der theoretischen Physik: dem Noether-Theorem. Es beschreibt den Zusammenhang zwischen Symmetrien und Erhaltungsgesetzen und wurde zu einem grundlegenden Bestandteil der modernen Physik.
Heute steht ihr Name prominent für wissenschaftliche Exzellenz – zu Lebzeiten musste sie als Frau zahlreiche Hürden überwinden, um wissenschaftlich tätig zu sein.
Biographisches
Noether wurde 1882 in Erlangen als Tochter des Mathematikprofessors Max Noether geboren. Sie besuchte die Höhere Töchterschule, die jedoch mit der 10. Klasse endete – der Besuch des Gymnasiums war Mädchen damals noch nicht erlaubt. 1900 erhielt sie auf eigenen Antrag die Genehmigung, als Gasthörerin Vorlesungen an der Universität Erlangen zu besuchen. Dafür musste sie nachweisen, dass sie sich den mathematischen Stoff des Gymnasiums zusätzlich im Privatunterricht angeeignet hatte.
Emmy Noether wollte wie ihr Bruder Abitur machen, doch Mädchen waren am Humanistischen Gymnasium weder zum Unterricht noch zur Prüfung zugelassen. Stattdessen konnte sie am Nürnberger Realgymnasium als Externe den Abschluss machen. Anschließend studierte sie Mathematik in Göttingen und Erlangen und promovierte dort 1907 mit Auszeichnung – als zweite Deutsche überhaupt. Danach arbeitete sie am Mathematischen Institut in Erlangen, betreute Doktoranden und unterstützte ihren Vater und ihren Mentor Paul Gordan in ihrer Forschung – allerdings ohne feste Anstellung und ohne Bezahlung. Die Assistentenstellen waren männlichen Kollegen vorbehalten.
1915 luden die renommierten Mathematiker Felix Klein und David Hilbert sie nach Göttingen ein. Klein war von ihren Fähigkeiten tief beeindruckt. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges waren zudem viele Nachwuchswissenschaftler zum Militärdienst eingezogen worden oder hatten sich freiwillig gemeldet. Zum ersten und einzigen Mal zog Emmy fachlich einen Vorteil daraus, dass sie eine Frau war.
Klein und Hilbert ermutigten sie, einen Antrag auf Habilitation zu stellen. Es war ein gewagter Schritt: Emmy Noether hätte damit die erste weibliche Fakultätsangehörige an einer deutschen Universität werden können. Der Antrag wurde intensiv und kontrovers diskutiert. Viele Fakultätsangehörige sprachen sich grundsätzlich gegen eine Habilitation von Frauen aus, was Hilbert mit der heute berühmten Äußerung kommentierte: „Meine Herren, eine Fakultät ist doch keine Badeanstalt!“
Letztlich setzten sich Klein und Hilbert durch. Das Habilitationsverfahren scheiterte dennoch mehrfach am Widerstand der preußischen Hochschulverwaltung, die mit Noether keinen Präzedenzfall schaffen wollte. Zeitweise durfte sie zwar an der Universität lehren, ihre Veranstaltungen mussten jedoch unter dem Namen Hilberts angekündigt werden. Erst 1919 konnte sie sich in Göttingen habilitieren.
In den folgenden Jahren wandte sie sich zunehmend der abstrakten Algebra zu. Als Privatdozentin entwickelte sie neue Ansätze, mit denen mathematische Strukturen nicht mehr über einzelne Rechenverfahren, sondern über ihre grundlegenden Beziehungen beschrieben wurden. Damit prägte sie eine neue mathematische Denkweise und beeinflusste zahlreiche Schülerinnen und Kolleginnen – bald sprach man in Göttingen von der sogenannten „Noether-Schule“. Ihre Vorlesungen galten als anspruchsvoll; ihre Erklärungen waren häufig lang und improvisiert. Zu ihren Studierenden konnte sie im Seminarraum, aber auch in der freien Natur stundenlange Monologe über Mathematik halten – ganz ohne Notizen. Als inoffizielle Assistenzprofessorin erhielt sie kein Gehalt; Einkommen bezog sie allein aus befristeten Lehraufträgen.
1933 zerstörten die Nationalsozialisten ihre wissenschaftliche Laufbahn. Als Jüdin verlor Noether ihre Lehrbefugnis an der Universität Göttingen. Sie emigrierte in die USA und erhielt eine Stelle am Women’s College Bryn Mawr in Pennsylvania. Dort konnte sie erstmals für ein angemessenes Gehalt lehren und forschen. Außerdem hielt sie Vorträge am Institute for Advanced Study in Princeton.
Noether förderte dort auch die nächste Generation von Mathematikerinnen. Am Bryn Mawr College wurden Emmy-Noether-Stipendien eingerichtet, um junge Frauen für eine wissenschaftliche Laufbahn zu gewinnen. Noether betreute die Stipendiatinnen persönlich und nahm sie mit zu ihren Seminaren in Princeton und Philadelphia. Ruth Caroline Stauffer wurde ihre letzte Doktorandin.
Emmy Noether starb 1935, nur 53 Jahre alt, an den Folgen einer Operation. Ihr wissenschaftliches Vermächtnis wirkt bis heute fort: In der Mathematik gilt sie als eine der Wegbereiterinnen der modernen Algebra, in der Physik ist ihr Name untrennbar mit dem Zusammenhang von Symmetrie und Erhaltung verbunden. Hermann Weyl, einer ihrer Göttinger Kollegen, beschrieb sie in seinem Nachruf als eine Wissenschaftlerin, deren mathematische Schöpferkraft bis zuletzt ungebrochen gewesen sei.[1]
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Rowe, David E.; Koreuber, Mechthild (2020): Proving It Her Way. Emmy Noether, a Life in Mathematics. Cham: Springer.
Wikipedia (2026): „Emmy Noether“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, abgerufen am 9. September 2026.
Einzelnachweise
[1] MacTutor History of Mathematics (2014): „Hermann Weyl's speech at Emmy Noether's funeral“. Online verfügbar unter: https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/Extras/Weyl_Noether/ (abgerufen am 9. September 2026).