1775–1842
Barbara Thein
Naturforscherin
Die erste Frau, die an der Universität Würzburg wissenschaftlich tätig war, kämpfte ihr Leben lang um Anerkennung und gerechte Entlohnung.
Als Barbara Thein 1796 ihre Arbeit im Naturalienkabinett der Universität Würzburg aufnahm, waren Frauen von Universitäten nahezu vollständig ausgeschlossen: Sie durften weder studieren noch eine offizielle wissenschaftliche Laufbahn einschlagen.
Dennoch entwickelte Thein sich zu einer der ersten nachweislich wissenschaftlich tätigen Frauen Deutschlands und erarbeitete sich ein bemerkenswertes fachliches Ansehen. Die Wetterauische Gesellschaft für die gesamte Naturkunde zu Hanau, der auch Alexander von Humboldt angehörte, ernannte sie zu ihrem Ehrenmitglied.
Barbara Thein ist die erste Frau, deren wissenschaftliche Arbeit an der Universität Würzburg dokumentiert ist. Ihre Geschichte wurde vor wenigen Jahren aus den Beständen des Universitätsarchivs rekonstruiert. Die überlieferten historischen Quellen zeugen von einer Frau, die sich selbstbewusst für die Würdigung und angemessene Vergütung ihrer Arbeit einsetzte.
Biographisches
Barbara Thein, die in Haßfurth als fünftes von acht Kindern der Familie Thein zur Welt kam, begann im Alter von 20 Jahren als Gehilfin des Naturforschers Joseph Bonavita Blank zu arbeiten. Er gestaltete Bilder aus selbstgesammelten Naturmaterialien, sog. Mosaische Kunstwerke. Seine über 20.000 Objekte umfassende Sammlung wurde damals im fürstlichen Kunstkabinett ausgestellt, als dessen Direktor Bonavita Blank ernannt worden war. Darüber hinaus lehrte er auch Philosophie und Naturgeschichte an der Universität Würzburg. Ab 1805 wurde die Sammlung in einem Saal in der Alten Universität ausgestellt, wo sie zu einer Art Touristenattraktion wurde.
Barbara Thein, auch Babette oder Demoiselle Thein genannt, stammte aus Haßfurth. Ihr Vater arbeitete laut Stammbaum der Familie als Bote. Thein unterstützte Blank zunächst bei der Betreuung seiner umfangreichen naturkundlichen Sammlung. Als Blank im Alter zunehmend schlechter sah, übernahm sie immer mehr Verantwortung. Sie fertigte selbst kunstvolle Mosaikbilder aus Naturmaterialien an. In einer Quelle heißt es:
„Sie macht Gemählde aus unzähligen Theilen der Moose , Baumrinden , Holzarten , aus den kleinsten Saamenkörnchen , aus Flachs- , aus Blumenblättchen und anderen Produkten des Pflanzenreichs , aus den Federn und Federtheilchen der Vögel , aus dem feinsten Federstaube der Schmetterlinge , aus dem zartesten Gewebe und Gespinste der Insekten , u. s. w. und es entstehen durch die künstliche Zusammensetzung so mannigfaltiger Naturprodukte , Tages – Dämmerungs – und Nachtstücke , welche den vom Mahlerpinsel verfertigten Gemählden ganz gleich kommen“. [1]
Kunst und Naturforschung gehen in dieser Zeit Hand in Hand: So präparierte Thein auch Tiere, entwickelte eigenständig neue Methoden zur Konservierung zoologischer Sammlungen und erwarb dabei umfangreiche Kenntnisse der Naturgeschichte und Mineralogie. Ein 1818 erschienener Artikel in der Würzburger Zeitung lobt Theins Fähigkeit, Präparate dauerhaft haltbar zu machen – eine Voraussetzung dafür, wissenschaftliche Sammlungen über Generationen hinweg zu bewahren. Der Autor unterstreicht ihre strukturiert-forschende Vorgehensweise: „Sie gelangte durch eigenes Nachdenken, durch angestellte Versuche und Prüfungen zu der Erfindung der bewährtesten Präservativmittel, wodurch die ausgestopften Thiere unbeschädigt erhalten, und vor jedem Verderben geschützt werden.“ [2]
Barbara Theins Leistungen wurden in Fachkreisen weit über Würzburg hinaus bekannt. 1820 nahmen sie das großherzogliche Jenaische Museum und die mineralogische Gesellschaft Jenas als Mitglied auf. Ein Jahr später wurde sie Ehrenmitglied der Wetterauischen naturforschenden Gesellschaft – eine außergewöhnliche Auszeichnung für eine Frau zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie erhielt auch attraktive Jobangebote: Der Präsident der St. Petersburger mineralogischen Gesellschaft bietet ihr für ein Gehalt von 6000 Rubel eine Anstellung am St. Petersburger Naturalienkabinett an.
Doch Barbara Thein lehnte ab und blieb der Würzburger Sammlung treu. Dabei musste sie hier, trotz ihres internationalen Rufs, jahrzehntelang um eine angemessene Bezahlung kämpfen. Ihr Gehalt wurde zunächst nicht von der Universität, sondern aus dem Privatvermögen Joseph Bonavita Blanks bezahlt. Obwohl Blank bei der Übergabe seiner Sammlung an die Universität ausdrücklich forderte, Barbara Thein dauerhaft anzustellen, verschleppte die Universitätsverwaltung die Umsetzung über viele Jahre. Immer wieder wandte sich Thein mit Eingaben an Behörden, legte Arbeitsproben und Zeugnisse ihrer Arbeit vor und setzte sich selbstbewusst für ihre Rechte ein.
Professor Bonavita Blank verfasste für seine talentierte Assistentin bereits 1806 ein exzellentes Arbeitszeugnis und betonte ihr „Genie“: „Zufällig entwickelte sich ihr vorzügliches Genie zu der von mir erfundenen Kunstarbeit, welche sie nun schon in das zwölfte Jahr bei mir erlernt und sich dergestalt darinn vervollkommnet hat, daß sie die einzige ist, welche nach meinem Tode diese mosaische Kunst fortzusetzen, auch andere hierinn zu unterrichten im Stande seyn wird. Ferner ließ ich sie auf meine Kosten zur Zeit, wo das Cabinet noch mein Eigentum war, unterrichten in der Kunst, Thiere aller Art: als Säugethiere, Vögel, Ampibien, Fische, Raupen u.s.w. auszustopfen.“[3]
Als Antwort auf ihr Gesuch erhielt Thein ein Schreiben vom Großherzoglichen Staatsministerium, das ihr ein offizielles Gehalt nach dem Tode Blanks zusicherte [4]. Doch die Anordnung wurde von Seiten der Universität schlicht nicht umgesetzt. Thein wartete noch 15 Jahre nach der Übernahme der Sammlung durch die Universität auf ein festes Gehalt von Seiten der Universität.
Erst nachdem ihre Leistungen öffentlich gewürdigt worden waren – der lobende Zeitungsartikel hat möglicherweise entscheidend dazu beigetragen –, erhielt Thein endlich einen festen Lohn und eine Dienstwohnung. In diese Zeit fällt auch ein Ölgemälde, das Christoph Fesel von Barbara Thein und ihrer Schwester Katharina angefertigt hat, und auf dessen Rückseite Theins besondere Erfolge festgehalten sind.
Doch ihr Kampf um Anerkennung war damit nicht zu Ende: Immer wieder musste Thein ihre Ansprüche gegenüber der Universität verteidigen, erhob sogar einmal Klage gegen den Akademischen Senat. Auch gegenüber den nachfolgenden Professoren, die die Leitung über das Naturalienkabinett übernehmen und neue Gehilfen einstellen wollten, behauptete sich Thein. Als die Sammlung 1832 schließlich aufgelöst wurde, erhielt Barbara Thein 31 Teile davon – gleichsam Mosaikstücke eines Gesamtwerks, mit dem sie fast ihr ganzes Leben lang intensiv verbunden war. Zehn Jahre später stirbt Barbara Thein.
Barbara Theins Geschichte zeigt eindrucksvoll, wie weit internationale wissenschaftliche Exzellenz und institutionelle Anerkennung vor Ort auseinanderklaffen können. Obwohl sie als Expertin anerkannt und mehrfach ausgezeichnet wurde, blieb ihr eine sichere Stellung innerhalb der Universität verwehrt. Nach ihrem Tod geriet sie umso schneller in Vergessenheit.
Erst rund 200 Jahre später wird sie als eine wissenschaftliche Vorreiterin wiederentdeckt. Seit 2023 erinnert ein nach ihr benannter Weg auf dem Campus der Universität Würzburg an eine Frau, die sich ihren Weg in die Wissenschaft gegen viele Widerstände erkämpfte (vgl. Eine Straße für Barbara Thein - einBLICK - Online-Magazin der Universität Würzburg).
Vom überlieferten Ölgemälde hin zur KI-generierten Daguerreotypie: Ausschnitt aus dem "Craftboard" mit ersten Entwürfen.Entstehungsprozess
Das Porträt von Thein wurde im inhaltlichen Austausch mit Professorin Dr. Helga Stopper, Professorin für Toxikologie und Universitätsfrauenbeauftragte der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, sowie Dr. Marcus Holtz und Mareile Mansky vom Universitätsarchiv erarbeitet. Es zeigt Barbara Thein gegen Ende ihres Lebens, in ihren Sechzigern. Ab ca.1845 war die Daguerreotypie als erste kommerziell nutzbare Fotografie-Technik verfügbar. Auch einige männliche Wissenschaftler und Lehrstuhlinhaber wurden damals bereits mit dieser neuen Technik bildlich festgehalten und gewürdigt. Das “versäumte Bild” ist eine fiktive Darstellung Barbara Theins im Stil dieser frühen Daguerrotypien. Vorlage für die Gesichtszüge Theins ist ein überliefertes Doppelporträt von Caspar Carl Fesel, das aus dem Jahr 1822 stammt und Barbara Thein und ihre Schwester Katharina zeigt (s.u.).
Making-Of
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Universitätsarchiv Würzburg: „Barbara Thein (*18.03.1775 – 21.04.1842) – Kampf um Anerkennung“, 22.02.2023, online (abgerufen am 08.09.2026).
Van der Wall, Frauke: Barbara und Katharina Thein. Zwei bedeutende Würzburger Wissenschaftlerinnen des frühen 19. Jahrhunderts. In: Fränkische Lebensbilder 24 (2015), S. 179-194.
Wikipedia: „Bonavita Blank“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, abgerufen am 08.09.2026
Einzelnachweise
[1] Universitätsarchiv Würzburg, Bestand „Archiv des Rektorats und Senats“ (ARS), Nr. 3542: Act Nr. 66, N.P. 275
[2] Universitätsarchiv Würzburg, Bestand „Archiv des Rektorats und Senats“ (ARS), Nr. 3524: Würzburger Zeitung, Nro. 150, Samstag, den 19. September 1918.
[3] Universitätsarchiv Würzburg, Bestand „Archiv des Rektorats und Senats“ (ARS), Nr. 3175, 20. September 1806
[4] Universitätsarchiv Würzburg, Bestand „Archiv des Rektorats und Senats“ (ARS), Nr. 3175, Schreiben vom 28. Oktober 1806